Einleitung

Ein zentrales Prinzip, auf dem unsere Gesellschaft basiert, ist der Schutz vulnerabler Gruppen durch die Gemeinschaft. Dies trifft auf Kinder in besonderem Maße zu, da sie per se als besonders, verletzlich, abhängig und unschuldig gelten. Kann ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen durch die Eltern bzw. die Familie nicht mehr gewährleistet werden, so ist der Staat als Wächteramt durch das Jugendamt, in der Pflicht, einzugreifen (Artikel 6 GG).

 

Die Sorge um das Wohlergehen von Kindern gestattet demzufolge, staatlich sanktioniert in Familienverhältnisse einzugreifen.

 

Somit ist der Schutz von Kindern vor Misshandlungen, Missbrauch, Vernachlässigung etc. in unserer Gesellschaft als ein hoher Wert anzusehen. Der Grund für diese Haltung liegt in unserem Konzept von Kindheit. Diese wird als eine eigene und besondere Lebensphase begriffen, die sich, immer im Kontrast zum Erwachsenenalter, auszeichnet durch Unschuld, Abhängigkeit und Verletzlichkeit.

 

Fast jeder wird den Kinderschutz als moralische Verpflichtung ansehen und der Forderung zustimmen, dass so viele Kinder wie möglich vor Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung zu bewahren seien. Kein Kind soll verloren gehen, trifft dabei den Ansatz des Kinderschutzes sehr gut. Jeder hat eine Meinung dazu, jeder eine Vorstellung, wie Kinderschutz aussehen sollte.

 

Zu diesen Charakteristika ist die Thematik der Kindeswohlgefährdung nach wie vor eine Herausforderung für Fachkräfte, da es um meine hochkomplexe Fragestellung geht, in der eine Vielzahl von Aspekten betrachtet, bewertet, beurteilt und abgewogen werden müssen.

 

Es gibt immer wieder neue Standards, neue Programme, Vorgaben, Anweisungen, neue Anforderungen in den Jugendämtern, die in vielen Bereichen zur Zielscheibe der Öffentlichkeit werden.

 

In den letzten Jahren wurden immer wieder erschreckende Fälle von Kindeswohlgefährdungen bekannt, bei denen Kindern zu Schaden kamen. Dabei wurde nicht selten die Arbeit der verschiedenen Einrichtungen und der Jugendämter stark kritisiert, wobei dann einzelne Mitarbeiterinnen im Fokus stehen. Damit wird deutlich, wie der Druck auf die Fachkräfte gestiegen ist, während die finanziellen Mittel und die personelle Situation immer schwieriger wurden.

 

Die allgemeine Hysterie in Sachen Kinderschutz hat in vielen Fällen den Blick auf eine Absicherung aller geführt, die aber inhaltlichen, fachlich fundierten Überlegungen kaum noch Raum lässt – insbesondere aus dem Blick geraten sind die Chancen und die Bedingungen die Kinder brauchen, um sich gut entwickeln zu können, da der Blick auf Defizite und nicht auf Ressourcen in Familien gelegt wird – aus Angst, dass Kinder zu Schaden kommen und kommen können. Der Fokus liegt immer mehr auf Kontrolle.

 

Dabei sind Einschätzungen und Bewertungen nicht starr, sondern stehen in Relation zu jeder aktuellen Diskussion – was vor 20 Jahren als eine Kindeswohlgefährdung angesehen wurde, muss es heute nicht mehr sein, das Maß was „dienlich“, „gefährdend“, angesehen wird, hat sich stark verändert.

 

 

Besonders hilfreich zeigt ich in der Abschätzung und Einschätzung ein systemisches Vorgehen, da die Grundsätze der systemischen Arbeit einen besseren Zugang zu den Familien ermöglicht, um Hilfen zur Veränderungen und damit zur Abwendung von Gefährdungen beizutragen.

 

Voraussetzung von Kinderschutz und die Abwendung von Kindeswohlgefährdung ist die Bestimmung des Kindeswohls. Es gibt keinen einheitlichen rechtlichen und gesellschaftliche Definition des Begriffes, da dies immer historisch, kulturell und individuell zu bestimmen ist. Unterschiedliche Werte und Normen bei Eltern wie z.B. im Rahmen von Erziehung, müssen flexibel sein, um jedem Kind in der jeweiligen Situation gerecht zu werden.

 

Generell ist aber von bestimmten Grundprinzipien auszugehen, was Kinder für eine gute und gesunde Entwicklung der eigenen Persönlichkeit brauchen. Es ist allgemein anerkannt, dass Kinder sich dort gut entwickeln können, wo sie entsprechend ihren Grundbedürfnissen und ihren emotionalen Bedürfnissen wie Liebe, Bindung, Vertrauen leben.

 

Thomas Berry Brazelton und Stanley l. Greenspan (2002)[1] beschrieben hier

 

·         "körperliche Unversehrtheit, Sicherheit und Regulation";

·         "Erfahrungen, die auf individuelle Unterschiede zugeschnitten sind";

·         "entwicklungsgerechte Erfahrungen";

·         "Grenzen und Strukturen";

·         "stabile, unterstützende Gemeinschaften" und "kulturelle Kontinuität";

·         ein globales Verantwortungsbewusstsein, das auch die Kinder in armen Ländern einbezieht.

 

Im Zusammenhang mit dem Elternkurs „Starke Eltern  - Starke Kinder“ des Kinderschutzbundes wurden zudem „fünf Säulen der Erziehung“ erarbeitet, die entwicklungsförderlich sind.[2]

 

Sie symbolisieren eine grundlegende Haltung Kindern gegenüber aber auch den Familien gegenüber. Eltern, die sich an diesen fünf Säulen orientieren, übernehmen eine liebevolle anleitende bindungsbejahende Haltung ihrem Kind gegenüber ein und sind bereit, sich auch ständigen Veränderungen und Herausforderungen, die das Leben mit Kinder mit sich bringt, zu stellen.

 

Die fünf Säulen der Erziehung sind die Grundlage für eine entwicklungsförderliche Erziehung im Sinne des Kindeswohls, der Rechte der Kinder auf Achtung, Liebe, das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung und orientiert sich an den grundlegenden Bedürfnisse von Kindern.

 

Eltern unterliegen aber eigenen Gesetzmäßigkeiten, die nicht linear diese Grundlagen umsetzen können. Davon ausgehend unterliegen auch Eltern ihrer eigenen Geschichte, ihrer Erfahrungen, Ressource und Lösung-Strategien, die mitunter eher problematisch anzusehen sind.

 

Eine mangelhafte Umsetzung bedeutet nicht automatisch eine Kindeswohlgefährdung, da diese selbst immer individuell und historisch angezeigt ist.

 

Eine Gefährdung des Kindes wurde im Laufe der Zeit immer wieder anders definiert. Z.B. wurde die Frage der körperlichen Gewalt in der Erziehung lange gesellschaftlich akzeptiert, heute wird dies als eine Kindeswohlgefährdung angesehen. So sind viele Bereiche den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen, wie die Frage neuer Medien, die Nutzung von Fernsehen, die der Nutzung von Smartphones gewichen ist, oder auch die Veränderungen im Freizeitverhalten von Kindern und Jugendliche.

 

Bei der Frage der Kindeswohlgefährdung steht nicht das Kindeswohl im Fokus, sondern die Frage und Abschätzung einer Gefährdung des Kindes.

 

Kindeswohlgefährdung ist ebenfalls ein unbestimmter Rechtsbegriff und betrifft Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 18 Jahren. Dabei gilt auch, dass gerade in jungen Jahren eine KWG eher angezeigt ist als bei einem Jugendlichen, je jünger die Kinder, desto eher eine KWG-Meldung.

Eine Kindeswohlgefährdung liegt nach deutschem Recht vor, wenn das körperliche, geistige und seelische Wohl eines Kindes durch das Tun oder Unterlassen der Eltern oder Dritter gravierende Beeinträchtigungen erleidet, die dauerhafte oder zeitweilige Schädigungen in der Entwicklung des Kindes zur Folge haben bzw. haben können.

Laut BGH 1956 handelt es sich um eine KWG, „wenn eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr“, vorliegt, „dass sich bei der weitere Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussagen lässt“.

Ansatzpunkte sind

·         Eine gegenwärtige vorhandene Gefahr

·         Einschätzung der Erheblichkeit

·         Erheblichkeit der Schädigung

 

Hierzu gehört auch die Einschätzung der Schädigung beim Kind, die beispielsweise als Folge einer Inobhutnahme zu erwarten ist.

„… 1. Maßnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, sind nur zulässig, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch öffentliche Hilfen, begegnet werden kann….“[3]


Rechtliche Rahmung § 8a SGB III

Mit 2005 in Kraft treten des neuen Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetzt (KICK) fand eine Neuregelung von Verfahrensweisen im Falle von KWG statt, um dem Grundgedanken in § 1 Abs. 3 SGB VIII  - Jugendhilfe soll insbesondere Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen – gerecht zu werden.

Mit § 8a SGB VIII wurde die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freier Jugendhilfe gesetzlich gestärkt und verankert.

Folgende Eckpunkte wurden hier für freie Träger der Jugendhilfe im Rahmen von die Verfahrensweise im Kinderschutz festgelegt:

·         Hinzuziehung einer insoweit erfahrenen Fachkraft zur Abschätzung des Gefährdungsrisikos

·         Hinwirken bei den Personensorgeberechtigten oder Erziehungsberechtigten auf die Inanspruchnahme von Hilfen

·         Informationen des Jugendamtes, wenn die angenommene Hilfe nicht ausreichend erscheint

 

 

   

[1] "Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein" 2002

  

[2] Sigrid Tschöpe-Scheffler „Fünf Säulen der Erziehung - Wege zu einem entwicklungsfördernden Miteinander von Erwachsenen und Kindern“ Patmos Verlag

    

[3] https://dejure.org/gesetze/BGB/1666a.html

 

Diplom-Sozialpädagogin


Systemisch-lösungsorientierte Sachverständige

Zertifiziert nach der neuen Gesetzgebung 


Zertifizierter Verfahrensbeistand


Zertifizierte Umgangs- und Ergänzungspflegerin


Zertifizierte Kinderschutzfachkraft

nach § 8a SGB VIII


Zertifizierte Fachkraft

„Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch”

Univerisät Ulm


Klientenzentrierte Gesprächspsycho-therapie

NLP-Practitioner  

Elternkurssleiterin "Starke Eltern - Starke Kinder"


Fortbildungen derzeit: 

"Frühe Hilfen und Interventionen im Kinderschutz"


"Traumapadagogik"

"Traumatheapie"