zu § 1666 BGB

Aspekte und Richtlinien bei Kindeswohlgefährdung

Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 19. November 2014 – 1 BvR 1178/14

Eine Sorgerechtsentziehung setzt eingehende Feststellungen zur Kindeswohlgefährdung voraus. Um eine Trennung des Kindes von den Eltern zu rechtfertigen, müssen die Fachgerichte im Einzelfall feststellen, dass das elterliche Fehlverhalten ein solches Ausmaß erreicht, dass das Kind bei den Eltern in seinem körperlichen, geistigen oder seelischen Wohl nachhaltig gefährdet wäre. Stützen sich die Gerichte dabei auf Feststellungen in einem Sachverständigengutachten, dessen Verwertbarkeit verfassungsrechtlichen Zweifeln unterliegt, können diese auf die gerichtliche Entscheidung durchschlagen, wenn die Gerichte die Zweifel nicht in der verfassungsrechtlich gebotenen Weise beseitigen.

Damit hat das Bundesverfassungsgerichts die verfassungsrechtlichen Anforderungen an die Entziehung der elterlichen Sorge bekräftigt.

https://www.rechtslupe.de/familienrecht/erziehung-ist-das-recht-der-eltern-auch-bei-afrikanischen-erziehungsmethoden-385706

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BVerfG 1 BvR 2882/13 vom 22.05.2014

In der vorbenannten Entscheidung (abgedruckt in FamRZ 2014 Heft 0, 1354 – 1355. ) hat das Bundesverfassungsgericht erneut eine Inobhutnahme und Neubeelterung durch Jugendamt und Familiengerichte für grundgesetzwidrig erklärt. Es hat damit einmal mehr den leiblichen Eltern den Vorrang vor Neubeelterungen durch „soziale Eltern“ (Pflegeeltern) eingeräumt.

Das BVerfG skizziert zunächst die Maßstäbe, an denen sich verfassungsrechtlich der (teilweise) Entzug des Sorgerechts messen lassen muss. Dabei betont es die spezifischen Anforderungen für die Fälle, in denen die leiblichen Eltern die Rückführung eines in einer Pflegefamilie untergebrachten Kindes begehren.

Hervorgehoben wird, dass ein strenger Kontrollmaßstab zur Anwendung kommt und das BVerfG seine Prüfung auch auf „deutliche Fehler bei der Feststellung und Würdigung des Sachverhalts“ erweitert hat. Das BVerfG prüft dabei, ob die Instanzgerichte in nachvollziehbarer Weise angenommen haben, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, und ob die Gefährdung nicht durch weniger eingreifende Maßnahmen als durch die Trennung des Kindes von seinen Eltern hätte abgewendet werden können.

Eine Trennung des Kindes von seinen Eltern ist danach nur gerechtfertigt, wenn das elterliche Fehlverhalten ein solches Ausmaß erreichen hat, dass das Kind bei einem Verbleiben in der Familie in seinem körperlichen, geistigen oder seelischen Wohl nachhaltig gefährdet ist. Die Annahme einer nachhaltigen Gefährdung des Kindes setzt danach voraus, dass bereits ein Schaden des Kindes eingetreten ist oder eine Gefahr gegenwärtig in einem solchen Maße besteht, dass sich bei ihrer weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt.

Das BVerfG führt sodann aus, dass dabei an die Kindeswohl- und an die Verhältnismäßigkeitsprüfung spezifische Anforderungen zu stellen sind, wenn die Sorgerechtsentziehung hinsichtlich eines bereits in einer Pflegefamilie untergebrachten Kindes in Streit steht, dessen Rückführung die Ursprungseltern zu sich begehren. Die Kindeswohlprüfung gem. § 1666 BGB muss dann die Tragweite einer Trennung des Kindes von seiner Pflegefamilie einbeziehen und die Erziehungsfähigkeit der Ursprungsfamilie auch im Hinblick auf ihre Eignung berücksichtigen, die negativen Folgen einer eventuellen Traumatisierung der Kinder gering zu halten. Eine Wiederzusammenführung von Kind und Eltern darf jedoch nicht schon dann als ausgeschlossen angesehen werden, wenn das Kind in den Pflegeeltern seine „sozialen“ Eltern gefunden hat. Denn eine Trennung des Kindes von seinen Eltern darf nur unter strikter Beachtung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes erfolgen und aufrecht erhalten bleiben.

Auch sind an der Aufrechterhaltung der Trennung besonders strenge Anforderungen zu stellen, wenn die Voraussetzungen des § 1666 Abs. 1 Satz 1 BGB bei der Wegnahme des Kindes nicht vorlagen oder wenn die ursprünglich durch § 1666 BGB begründete Trennung des Kindes von seinen Eltern nicht auf einer missbräuchlichen Ausübung der elterlichen Sorge, sondern auf einem unverschuldeten Elternversagen beruhte. Insoweit schlagen sich diese strengeren Anforderungen des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes insbesondere in einer erhöhten Verpflichtung der beteiligten Behörden und Gerichte nieder, Maßnahmen in Betracht zu ziehen, mit denen ein Zueinanderfinden von Kind und Eltern gelingen kann. Denn auch vorhandene Defizite der Eltern sind unter Verhältnismäßigkeitsgesichtspunkten ggf. durch unterstützende Hilfen zur Erziehung nach §§ 27 ff. SGB VIII zu begegnen. Eine vorzeitige Aufgabe der Rückführung jedenfalls ist nicht gerechtfertigt.


BVerfG 1 BvR 160/14 vom 24.03.2014

In der vorbenannten Entscheidung geht das Bundesverfassungsgericht nochmals sehr dezidiert darauf ein, welche Anforderungen an die Begründung einer Kindeswohlgefährdung zu stellen sind. Auch stellt das BVerfG klar, das keine Bindung des Familiengerichts an die Einschätzung des Jugendamts zur Gefährdungseinschätzung im Bezug auf eine Kindeswohlgefährdung besteht. Vielmehr muss das Familiengericht selbständig prüfen, ob weitere ambulante Maßnahmen in Betracht kommen. Teilt das Jugendamt diese Auffassung nicht, kann das Familiengericht dem Jugendamt derzeit – mangels gesetzlicher Grundlage – jedoch keine Weisung erteilen. BVerfG, Bs. v. 24.03.2014 – 1 BvR 160/14, JAmt 2014, 223.

Betont wird nochmals ausdrücklich, dass in Übereinstimmung mit den verfassungsrechtlichen Anforderungen in § 1666a Abs. 1 Satz 1 BGB erklärt wird, dass Maßnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, nur dann zulässig ist, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch öffentliche Hilfen, begegnet werden kann.

Insoweit betrifft die maßgebliche Frage, ob der Gefahr für die Kinder nicht auf andere Weise als durch Trennung von den Eltern, auch nicht durch öffentliche Hilfen, begegnet werden kann (§ 1666a Abs. 1 Satz 1 BGB), eine verfassungsrechtlich zentrale  Tatbestandsvoraussetzung und muss darum vom Familiengericht von Amts wegen aufgeklärt werden. Ob öffentliche Hilfen erfolgversprechend sind, muss das Familiengericht letztlich in eigener Verantwortung beurteilen, wozu es sich eine zuverlässige Entscheidungsgrundlage verschaffen und diese in seiner Entscheidung auch darlegen muss (vgl. BVerfGK 13, 119 <127 f.>). Die eigene Ermittlungspflicht trägt dazu bei, zu verhindern, dass Kinder von ihren Eltern getrennt werden, ohne dass die Voraussetzungen des Art. 6 Abs. 3 GG vorliegen und schützt damit Grundrechte der Eltern und des Kindes.

Weil die Ermittlungspflicht grundrechtliche Schutzfunktion entfaltet, können sich die Gerichte ihrer nicht ohne gesetzliche Grundlage entledigen – auch nicht im Wege der Annahme einer Bindung an Feststellungen des Jugendamts. Ob eine gesetzliche Bindung des Familiengerichts an die Feststellungen und Wertungen des Jugendamts besteht, ist – ungeachtet der Frage der Vereinbarkeit einer solchen Bindung mit dem Grundgesetz – zunächst eine Frage der Auslegung des einfachen Rechts. Aus §§ 1666, 1666a BGB oder den Vorschriften des SGB VIII über die Gewährung öffentlicher Hilfen ist für die Annahme einer Bindung des Familiengerichts an die Feststellungen des Jugendamts jedenfalls nichts erkennbar.

Die Gerichte dürfen die Inanspruchnahme öffentlicher Hilfen auch nicht deshalb als denkbares milderes Mittel außer Betracht lassen, weil die Durchführung einer vom Jugendamt bereits abgelehnten Hilfemaßnahme praktisch nicht durchsetzbar wäre. Zwar ist ungewiss, ob das Familiengericht befugt ist, das Jugendamt zur Gewährung öffentlicher Hilfen zu verpflichten. Jedoch können die Personensorgeberechtigten den Anspruch auf Hilfen nach §§ 27 ff. SGB VIII grundsätzlich vor den Verwaltungsgerichten durchsetzen.

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BVerfG 1 BvR 3121/13 vom 07.04.2014

Das BVerfG geht in der vorbenannten Entscheidung darauf ein, welche Anforderungen an die Sachverhaltsermittlung und Prüfung einer Kindeswohlgefährdung im Eilverfahren nach § 1666 Abs. 1 BGB zu stellen sind.

Dabei stellt das BVerfG zunächst klar, dass besondere Anforderungen bei der Herausnahme des Kindes im Wege der einstweiligen Anordnung gelten. Diese dürften danach praktisch nur noch bei körperlichen Misshandlungen, sexuellen Missbrauch oder gravierenden gesundheitsgefährdenden Formen der Vernachlässigung möglich sein. Insbesondere bei seelischer Misshandlung dürften einstweiligen Anordnungen mit dem Ziel der Herausnahme des Kindes nur noch in Ausnahmefällen möglich sein. Dies wird mit der nur summarischen Prüfung im einstweiligen Anordnungsverfahren erklärt, BVerfG, Bs. v. 07.04.2014 – 1 BvR 3121/13, FamRZ 2014, 907 = JAmt 2014, 406.

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BVerfG 1 BvR 2695/13 vom 17.03.2014

In der vorbenannten Entscheidung hat das BVerfG folgendes klargestellt:

Ein Sorgerechtsentzug „auf Vorrat“ genügt dem verfassungsrechtlichen Verhältnismäßigkeitsgebot dann nicht, wenn für das Familiengericht bereits deutlich erkennbar ist, dass die zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung erforderliche Fremdunterbringung des Kindes in näherer Zeit kaum möglich sein wird.

Selbst wenn das Kindeswohl im Haushalt der Eltern in einem solchen Ausmaß gefährdet ist, das eine Trennung des Kindes von seinen Eltern rechtfertigen kann, ist der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz strikt zu beachten. Danach müssten sich die Entziehung des Sorgerechts und die damit bezweckte Fremdunterbringung zur Beseitigung der festgestellten Gefahr eignen und es dürften keine milderen Mittel erkennbar sein, mit denen der Gefahr genauso wirksam begegnet werden könnte (vgl. BVerfGK 19, 295 <303>). Die Übertragung des Sorgerechts auf einen Vormund (bzw. Pfleger) ist dann nicht verhältnismäßig, wenn der Vormund/Pfleger eine Fremdunterbringung nicht veranlasst und dies bereits bei der Entscheidung absehbar ist, BVerfG, Bs. v. 17.03.2014 – 1 BvR 2695/13, FamRZ 2014, 1177, JAmt 2014, 403.

Im zu entscheidenden Fall hatte das Jugendamt für das Kind in den fast vier Monaten, die seit der Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts, der Gesundheitssorge und des Rechts zur Beantragung von Hilfen zur Erziehung auf den Ergänzungspfleger vergangen waren, keine Maßnahmen eingeleitet, die das Gericht zuvor als „wichtige Option“ (Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung) angesehen hatte.

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Oberlandesgericht Hamm, Beschluss vom 12.07.2013 – 2 UF 227/12

Vorinstanz: Amtsgericht Marl, 36 F 219/11
Normen: §§ 1666, 1666a BGB

Leitsätze:

Im Rahmen der §§ 1666, 1666a BGB ist stets zu beachten, dass kein Kind Anspruch auf „Idealeltern“ und optimale Förderung hat und sich die staatlichen Eingriffe auf die Abwehr von Gefahren beschränken. Für die Trennung der Kinder von den Eltern oder einem Elternteil ist es daher nicht ausreichend, dass es andere Personen oder Einrichtungen gibt, die zur Erziehung und Förderung besser geeignet sind. Vielmehr gehören die Eltern und deren gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich zum Schicksal und Lebensrisiko eines Kindes.

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OLG Frankfurt am Main, Beschluss vom 21. Dezember 2011 – 2 UF 481/11

  1. Den Eltern kann der Nachweis ihrer Erziehungsfähigkeit nicht abverlangt werden. Ein solch geforderter Nachweis zeigt ein eklatantes Fehlverständnis der maßgeblichen Vorschriften in §§ 1666, 1666 a BGB.
  2. Die Entziehung elterlicher Sorge unterliegt – wegen der Schwere des damit verbundenen Grundrechtseingriffes – dem Richtervorbehalt.
  3. Allein eine Zustimmung der Mutter kann die Rechtmäßigkeit der Inobhutnahme durch das Jugendamt nicht herstellen, da eine dringende Kindeswohlgefährdung unentbehrliche Voraussetzung für die Rechtmäßigkeit ist.
  4. Eine Zustimmung im Sinne des § 42 SGB VIII stellt etwas anderes dar als das reine, letztlich widerstandslose Hergeben der eigenen Kinder unter Aufgabe des aktuellen Protestes.

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OLG Köln, Beschluss vom 25. Februar 2015 – 26 UF 156/14

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist Voraussetzung für ein Eingreifen des Gerichts eine gegenwärtige, in einem solchen Maß vorhandene Gefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklung der Dinge eine erhebliche Schädigung des geistigen oder leiblichen Wohls des Kindes mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt (BGH, Beschluss vom 26.10.2011 – XII ZB 247/11, FamRZ 2012, 99-103, zitiert nach juris Rn. 25).

Die Annahme einer nachhaltigen Gefährdung des Kindes setzt voraus, dass bereits ein Schaden des Kindes eingetreten ist oder sich eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen läßt. Ausgehend von der primären Erziehungszuständigkeit der Eltern müssen diese ihre Erziehungsfähigkeit auch nicht positiv „unter Beweis stellen“; vielmehr setzt eine Trennung von Eltern und Kind umgekehrt voraus, dass ein das Kind gravierend schädigendes Erziehungsversagen mit hinreichender Gewissheit feststeht.

Dieser strenge Maßstab ist dabei nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht nur für die Entziehung des Sorgerechts zum Zweck der Trennung des Kindes von den Eltern anzulegen. Die gleichen Voraussetzungen sind auch dann an einen Entzug der elterlichen Sorge zu stellen, wenn eine Trennung des Kinder von der Mutter vorläufig nicht erfolgt bzw. bezweckt wird, sondern die Trennung durch die ergriffenen Maßnahmen vermieden werden soll. Der Entzug der elterlichen Sorge bewirkt auch dann, wenn er nicht mit der Wegnahme des Kindes einhergeht, dass eine Trennung des Kindes von seinen Eltern jederzeit geschehen kann, solange das Sorgerecht bei einem Vormund liegt. Jede Maßnahmen, die eine Trennung des Kindes von seinen Eltern auch nur ermöglicht, darf aber nur unter strikter Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit erfolgen (BVerfG, Beschluss vom 27.08.2014 – 1 BvR 1822/14, FamRZ 2014, 1772 – 1775, zitiert nach juris Rn. 24, 26).

Insbesondere darf der Entzug der elterlichen Sorge nicht als „Druckmittel“ bzw. als „Bewährungsauflage“ dergestalt missbraucht werden, dass der Staat hierdurch bestimmte, aus seiner Sicht dem Kindeswohl zuträgliche Verhaltensweisen durchzusetzen sucht. 

Die Kindeseltern müssen ihre Erziehungsfähigkeit nicht positiv beweisen und sich nicht „bewähren“, sondern umgekehrt darf das Gericht den Entzug der elterlichen Sorge als massivstem Eingriff in das grundrechtlich geschützte Elternrecht nur dann anordnen, wenn und soweit ein das Kind gravierend schädigendes Erziehungsversagen mit hinreichender Gewissheit feststeht.

Bedenken gegen die Fähigkeiten eines Verfahrenbeistandes, die Interessen des Kindes im gerichtlichen Verfahren in angemessener Weise zur Geltung zu bringen, können sich daraus ergeben, wenn der Verfahrensbeistand erklärt, ihm sei die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu den an einen Entzug der elterlichen Sorge zu stellenden hohen Anforderungen zwar bekannt, dieser teile diese aber nicht. Sinn und Zweck der insbesondere für Verfahren nach den §§ 1666, 1666 a BGB gesetzlich vorgeschriebenen Verfahrensbeistandsbestellung ist, dass im Rahmen der am Kindeswohl zu orientierenden Entscheidung die Interessen des Kindes in einer Weise in das Verfahren eingebracht werden, die ihrer grundrechtlichen Position hinreichend Rechnung trägt (Keidel, FamFG, 18. Aufl., § 158 Rn. 1). Dies setzt aber voraus, dass der Verfahrensbeistand die zur Eingriffsschwelle der §§ 1666, 1666 a BGB und dem mit einem Sorgerechtsentzug verbundenen Eingriff in die grundrechtliche Position sowohl des Kindes als auch der Kindeseltern ergangene Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zumindest in den Grundlinien annimmt und diese nicht pauschal zurückweist.

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Brandenburgisches Oberlandesgericht, Beschluss vom 03.07.2013 – 9 UF 25/12

Elterliche Sorge: Rückübertragung des Sorgerechts auf eine Kindesmutter bei positiver Entwicklung des Kindes

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BGH, Beschluss vom 06.07.2016 – XII ZB 47/15

BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS

in der Familiensache

Leitsätze:

a) Zu den Voraussetzungen einer Trennung des Kindes von den Eltern wegen erzieherischer Defizite der Eltern.

b) Das Umgangsbestimmungsrecht ist selbstständiger Teil der Personensorge, der im Fall der Kindeswohlgefährdung gesondert entzogen werden kann. Bei einem Konflikt unter den Eltern sind eine gerichtliche Umgangsregelung und die Bestimmung eines Umgangspflegers als mildere Mittel stets vorrangig.

c) Das Verbot der reformatio in peius gilt in Beschwerdeverfahren über eine (teilweise) Sorgerechtsentziehung nur eingeschränkt und schließt – nach entsprechendem Hinweis an die Beteiligten – eine im Sinne des Kindeswohls gebotene Entziehung weiterer elterlicher Sorgebefugnisse auch dann nicht aus, wenn nur die Eltern Beschwerde eingelegt haben (im Anschluss an Senatsbeschluss vom 17. Oktober 2007 – XII ZB 42/07 – FamRZ 2008, 45).

Der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 6. Juli 2016 durch den Vorsitzenden Richter Dose, die Richter Dr. Klinkhammer, Dr. Nedden-Boeger und Guhling und die Richterin Dr. Krüger beschlossen:

Die Rechtsbeschwerde der weiteren Beteiligten zu 1 und 2 gegen den Beschluss des 4. Senats für Familiensachen des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main vom 16. Januar 2015 wird zurückgewiesen.

Gerichtskosten für das Rechtsbeschwerdeverfahren werden nicht erhoben. Außergerichtliche Kosten sind nicht zu erstatten.

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OLG Brandenburg, 9 UF 132/16 Beschluss vom 21.03.2016

15-Jährige darf Beziehung mit 48-Jährigem führen

Ein gerichtliches Kontaktverbot zwischen einer 16-jährigen Jugendlichen und einem 33 Jahre älteren angeheirateten Onkel, mit dem eine Paarbeziehung zwischen beiden unterbunden werden soll, ist aufzuheben, wenn die Anordnung der Tatsache nicht Rechnung trägt, dass aus Sicht der Jugendlichen die Paarbeziehung durchaus schützenswert ist und diese auch nicht auf manipulativer Einwirkung des Erwachsenen beruht.

"Im Rahmen der Prüfung des § 1666 BGB ist nämlich das Leitbild der Erziehung zu einer eigenständigen und –verantwortlichen Persönlichkeit des Kindes zu berücksichtigen. Natur und Recht zielen auf eine Ablösung des Kindes von seinen Eltern. Selbstbestimmungs- und -ver-antwortungsfähigkeit des Individuums entstehen nicht schlagartig mit der Volljährigkeit, sondern wachsen kontinuierlich vom frühesten Alter an und sind jeweils von den Eltern angemessen zu achten und zu fördern. Vor allem ab der Pubertät findet beim Kind ein bewusstes Einüben in selbständige – und damit häufig auch tendenziell gegen die Position der Eltern gerichtete – Entscheidungen statt. Auch durch Verhinderung dieses Einübungsprozesses oder durch grobe Missachtung der Eigenentscheidung des Heranwachsenden kann dessen seelisches und geistiges Wohl gefährdet sein.

Im Bereich des persönlichen Umgangs ist für den Heranwachsenden nicht nur der soziale Kontakt zu anderen im Allgemeinen und das Bedürfnis nach Kontakt mit Personen des anderen Geschlechts im Besonderen, sondern auch die Auswahl der Kontakte nach subjektiven Präferenzen unabdingbare Voraussetzung des Reifeprozesses. So wenig von einem Erwachsenen die Begründung erwartet wird, weshalb er jemanden mag oder liebt, so wenig kann der Heranwachsende zur positiven Rechtfertigung seines Umgangs verpflichtet sein. Erziehung zur Mündigkeit erfordert in diesem Bereich einen Rückzug elterlichen Bestimmungsrechts zugunsten bloßer elterlicher Kontrolle kindlicher Selbstbestimmung. Deren Missachtung unter Ausnutzung formal bestehender Sorgemacht im Außenverhältnis ist geeignet, das psychosoziale Kindeswohl zu gefährden; elterliche – und nicht weniger gerichtliche – Beschränkungen bedürfen daher besonderer Rechtfertigung (vgl. Staudinger-Coester, BGB, 2016, § 1666 Rdnr. 155). In einer schicksalhaften Konfliktsituation kann einer als Akt achtenswerter Selbstbestimmung getroffenen Entscheidung eines heranwachsenden Kindes ein solches Gewicht beizumessen sein, dass der Kindeswille nicht übergangen werden kann, ohne dass dadurch das Kindeswohl gefährdet würde. So liegt der Fall hier."

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OLG Bamberg, 12.05.2016 - 2 UF 58/1

  1. Dem einem minderjährigen Verheirateten bestellten Vormund kommt wegen §§ 1800, 1633 BGB keine Entscheidungsbefugnis für den Aufenthalt des Mündels zu. Dies gilt auch hinsichtlich wirksam verheirateter minderjähriger Flüchtlinge, wenn nach dem Recht des Herkunftstaates insoweit ebenfalls keine elterliche Sorge besteht (Art. 15, 16, 20 KSÜ)

  2. Eine in Syrien nach syrischem Eheschließungsrecht wirksam geschlossene Ehe einer zum Eheschließungszeitpunkt 14-Jährigen mit einem Volljährigen ist als wirksam anzuerkennen, wenn die Ehegatten der sunnitischen Glaubensrichtung angehören und die Ehe bereits vollzogen ist.

  3. Die Unterschreitung des Ehemündigkeitsalters des § 1303 BGB bei einer Eheschließung im Ausland führt selbst bei Unterstellung eines Verstoßes gegen den ordre public (Art. 6 EGBGB) nicht zur Nichtigkeit der Ehe, wenn nach dem für die Eheschließung gem. Art. 11, 13 EGBGB anzuwendenden ausländischen Recht die Ehe bei Unterschreitung des dort geregelten Ehemündigkeitsalters nicht unwirksam, sondern nur anfechtbar oder aufhebbar wäre.


 

 

Diplom-Sozialpädagogin


Systemisch-lösungsorientierte Sachverständige

Zertifiziert nach der neuen Gesetzgebung 


Zertifizierter Verfahrensbeistand


Zertifizierte Umgangs- und Ergänzungspflegerin


Zertifizierte Kinderschutzfachkraft

nach § 8a SGB VIII


Zertifizierte Fachkraft

„Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch”

Univerisät Ulm


Klientenzentrierte Gesprächspsycho-therapie

NLP-Practitioner  

Elternkurssleiterin "Starke Eltern - Starke Kinder"


Fortbildungen derzeit: 

"Frühe Hilfen und Interventionen im Kinderschutz"


"Traumapadagogik"

"Traumatheapie"